gehalten von Pfarrer Ulrich Bach


Wenn es am Sonntag mit dem Besuch der Messe nur um religiöse Entspannung ginge – das wäre mir nicht genug. Auch wenn die sonntägliche Erinnerung an Tod und Auferstehung der persönlichen Sinnstiftung dient und dem Bedürfnis, eine kraftspendende Oase der Ruhe für die bevorstehende Woche zu finden, auch das wäre mir nicht genug. Die biblische Botschaft ist von Anfang an beunruhigend und aufwühlend, sie vertröstet nicht und verheißt nicht einfach Glückseligkeit. Der Theologe Johann Baptist Metz fragt zu Recht provokant. War Israel etwa glücklich mit seinem Gott? War Jesus glücklich mit seinem Vater? Macht Religion glücklich? Macht sie reif? Schenkt sie Identität? Heimat, Geborgenheit, Frieden mit uns selbst? Beruhigt sie die Angst? Beantwortet sie die Fragen? Erfüllt sie die Wünsche, wenigstens die glühendsten? Ich zweifle. Soweit das Zitat.
Israels Glaubensbekenntnis, auf dem auch unser Glaubensbekenntnis ruht, – vergessen wir das nicht -, beginnt gänzlich anders, mit einer Mahnung an die, die bereits im verheißenen Land leben (wir haben es in der ersten Lesung gehört): Vergiss nicht: Dein Vater war ein heimatloser Aramäer. Deine Wurzeln liegen in der Fremde, in der Entfremdung Ägyptens. Dort inmitten des Sklavenhasses hat Gott sich für Israel als ein Gott erwiesen, der Partei ergriffen hat für die Unterdrückten und Geknechteten und sie gerettet hat.
„Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder.“ So beginnt das Gebet der Juden am Erntedankfest. Es ist das älteste Glaubensbekenntnis Israels. Es schaut weit zurück, es erinnert an die Berufung Abrahams, des Stammvaters, der von Gott hörte: Zieh weg aus deinem Land, aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Schon Abraham wurde aus allem, was ihm Heimat bedeutete, in die Fremde gerufen, in die Heimatlosigkeit. Auch dort ging es um Aufbruch; das Ziel war: das Land der Verheißung. In der Fremde über die reiche Ernte im Land der Verheißung soll Israel nie vergessen, wo es herkommt! Und es soll nie vergessen, dass Gott mit ihm unterwegs war und ist. Nach dem jüdischen Gesetz ist jedem Fremden besonderer Schutz und ein Rechtsstatus zu gewähren, auch denen gegenüber, die eine andere Religion haben. Israel hat diese Toleranz in Ägypten nicht erfahren, sie schrien zu Gott – und er rettete sie – er führte sie heraus.
Es ist ja fast prophetisch, dass Papst Franziskus für dieses Jahr das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat. Dieses Jahr, das in ganz Europa auch von Flüchtlingen geprägt ist.
Als Christen dürfen wir das Glaubensbekenntnis Israels nicht vergessen. Kein Mensch ist nur zum Schuften da, kein Mensch darf durch Rechtlosigkeit, Arbeitslast und Druck, durch willkürlichen Entzug der Freiheit niedergebeugt und seiner Menschenwürde beraubt werden. Der Mensch ist nach unserer Heiligen Schrift dazu geschaffen, sein Leben in Freiheit und Verantwortung zu führen. Hier merken wir, wie aktuell diese Sätze sind: Gerade wir Deutschen dürfen unsere eigene Geschichte nicht vergessen. Unendlich viele Menschen haben in den Kriegs- und Nachkriegsjahren selbst die Erfahrung von Rechtlosigkeit, Heimatlosigkeit, Vertreibung, Flucht und Neubeginn machen müssen.
Unser Wohlstand ist nicht allein unser Besitz, sondern aus dem Bewusstsein für unsere eigene Geschichte heraus sind wir verpflichtet den Fremden bei uns aufzunehmen, ihm Rechte zu gewähren, die Menschenwürde unbedingt zu achten – eines jeden Menschen. Gott steht auf der Seite der Ohnmächtigen. Auf welcher Seite stehen wir?
Der Apostel Paulus betont im Römerbrief: Durch die Auferstehung Jesu sind alle Grenzen zwischen den Völkern aufgehoben. Es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Jeder, der den Namen Gottes anruft, wird gerettet werden.
Ich halte es für gefährlich, wenn die im letzten Sommer so überschwängliche Willkommenskultur den heutigen Flüchtlingen gegenüber jetzt in ihr Gegenteil umzuschlagen droht. Erst waren alle Flüchtlinge herzlich willkommen, jetzt entsteht ein Zerrbild, das alle Fremden und Flüchtlinge verdächtig macht. Inzwischen ist es so weit, dass manche, die in der Flüchtlingsarbeit und –hilfe mitarbeiten, ganz viele Ehrenamtliche, in eine Verteidigungsposition geraten oder zumindest müde belächelt werden als etwas Naive. Unser Kardinal, das habe ich vorgestern bei der Dekanekonferenz in Fürstenried gehört, hat ebenfalls die große Befürchtung, dass die Stimmung den Flüchtlingen gegenüber am Kippen ist. Da dürfen wir nicht mitmachen. Fremdenhass ist unvereinbar mit dem Christentum. Als Christen sind wir verpflichtet, und diese Verpflichtung muss von innen heraus kommen, die Menschenwürde eines jeden zu achten. Alles andere ist eine Versuchung, eine Versuchung der Macht, des Besitzes, letztlich eine Versuchung des Bösen.